„Die Pädiatrie ist ein Saisongeschäft“

„Die Pädiatrie ist ein Saisongeschäft“


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Husten, Schnupfen, Heiserkeit – vor allem in der dunklen Jahreszeit ist das Atmungssystem der Kinder stark gefordert. Im Interview gewährt Dr. Christoph Kemen, Oberarzt der Pädiatrie im Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift, Einblick in seinen Klinikalltag.

Mit welchen Atemwegserkrankungen haben Sie am häufigsten zu tun? 

Das Spektrum reicht in der Notfallambulanz von leichten, fieberhaften, Atemwegsinfekten, die einer Behandlung durch den Kinderarzt bzw. die Kinderärztin bedürfen, bis zu schwereren Erkrankungen wie Asthma, Bronchitis, Lungenentzündungen oder Pseudokrupp. 

Und welche Fälle behandeln Sie auf Station? 

Ein ganz eindeutiger Hospitalisierungsgrund liegt vor, wenn die Sauerstoffsättigung zu niedrig ist, sodass diese Hypoxie von uns behandelt werden muss. Ansonsten hängt es unter anderem sehr von der aktuellen Jahreszeit ab. Viele Viren, die akute Atemwegserkrankungen verursachen, verbreiten sich vornehmlich in der kälteren Jahreszeit, da die Menschen mehr Zeit in Innenräumen verbringen und oftmals weniger gründlich gelüftet wird. So kann beispielsweise der RSV-Erreger in den Herbst- und Wintermonaten Grund für bis zu 70 % der stationär aufgenommenen Säuglinge sein – in anderen Monaten dagegen behandeln wir kaum mit dem RS-Virus infizierte Kinder. Die Pädiatrie ist gewissermaßen ein Saisongeschäft. 

Was genau ist RSV? 

RSV steht für das Respiratorische Synzytial-Virus und ist bei Säuglingen und Kleinkindern bis zu zwei Jahren der häufigste Auslöser von Infektionen der unteren Atemwege. Die Erkrankung verursacht erkältungsähnliche Symptome wie Schnupfen, trockenen Husten und Halsschmerzen. Bei schweren Verläufen kommt es zu Fieber, Rasselgeräuschen und schwerer Atmung, was einhergehen kann mit einer Bronchiolitis oder Lungenentzündung. Je nach individuellem Zustand können Sauerstoffgaben oder gar Beatmung erforderlich werden. 

Inwiefern hat Corona Ihren Berufsalltag verändert? 

Durch die Lockdowns, Basismaßnahmen und Hygieneregeln, die ergriffen wurden, um der Pandemie Einhalt zu gebieten, fielen auch die Fallzahlen anderer Infekte geringer aus. Zum Beispiel gab es 2020/21 keine Grippewelle. Nach Lockerung der Maßnahmen kam es dann wieder vermehrt zu Infektionen. Die Kinder haben viele Krankheiten quasi nachgeholt, sodass wir 2021 bereits im August eine auffällig hohe Zahl von RSVFällen verzeichnen mussten. Corona hat die über viele Jahre recht stabile Rhythmik der Ansteckungen komplett auf den Kopf gestellt. 

Haben Sie abschließend noch Tipps für Eltern, deren Kinder unter Atemwegsinfekten leiden? 

In leichteren Fällen kann man mit Fieberzäpfchen, Nasentropfen oder einem Honig-Zwiebel-Trunk schon viel bewirken. Bei hohem oder länger als drei Tage anhaltendem Fieber sollte zunächst der Gang in die Kinderarztpraxis erfolgen. Auch beim Patientenservice 116 117 der KV kann man sich rund um die Uhr beraten lassen. Wenn die Kinder unter akuter Atemnot leiden oder nicht mehr trinken, dann sind sie in einer Klinik richtig aufgehoben.


Beitragsbild: © SeventyFour / shutterstock


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