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Titelthema Kopf

Die „stille Epidemie“

Ein falscher Schritt beim Joggen, ein Sturz vom Fahrrad, ein Zusammenprall auf dem Spielplatz? „Wird schon nichts sein“, denken viele. Doch genau das ist riskant: Denn jede Gehirnerschütterung ist ein Schädel-Hirn-Trauma.

Von Britta Schmeis

Es war der größte Moment seiner Karriere: Bei der Fußball-WM 2014 schoss Christoph Kramer Deutschland zum Weltmeister. Erinnern kann er sich daran bis heute nicht. Kurz zuvor war er heftig mit dem Kopf eines Gegenspielers zusammengestoßen.
„Solche Erinnerungslücken sind typisch für schwere Gehirnerschütterungen und andere Formen eines Schädel-Hirn-Traumas“,
erklärt Dr. Andreas Gonschorek, Chefarzt des Neurozentrums und Leiter des Concussion Centers im BG Klinikum Hamburg.

Warnzeichen erkennen

Die Gehirnerschütterung ist eine komplexe Verletzung und kann sich unterschiedlich äußern, zum Beispiel durch Kopfschmerzen, Übelkeit oder Sehstörungen. Häufig kommen Konzentrations- und Gedächtnisprobleme hinzu. Emotionale Veränderungen können sich zudem in Form von Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit sowie einer verminderten Belastbarkeit und Stressintoleranz bemerkbar machen. Betroffene sind dann schneller erschöpft oder fühlen sich im Alltag rasch überfordert.

24 Stunden unter Beobachtung

Viele Beeinträchtigungen entwickeln sich gleich nach dem Unfall, manche Beschwerden treten aber erst Stunden später auf. Betroffene – oder Angehörige – sollten in den ersten 24 Stunden aufmerksam beobachten, ob sich der Zustand verändert.

Wann sollte man zum Arzt?

Im Zweifel lieber früher als später! Spätestens wenn die beschriebenen Beschwerden anhalten oder sich verschlimmern, sollte ärztlicher Rat eingeholt werden – auch wenn der Sturz zunächst harmlos erschien. Neben Tests zu Gleichgewicht und Sehvermögen können bildgebende Untersuchungen des Gehirns (z. B. CT oder MRT) oder Messungen der Hirnaktivität (EEG) notwendig sein.

Ruhe ist entscheidend

„Wird eine Gehirnerschütterung nicht ärztlich abgeklärt, besteht die Gefahr, dass ernsthaftere Verletzungen unentdeckt bleiben oder das zukünftige Verletzungsrisiko steigt. Zudem kann eine zu frühe körperliche oder geistige Belastung die Heilung verzögern, sodass Beschwerden länger anhalten oder sich verstärken“, so Gonschorek. Expertinnen und Experten sprechen daher auch von einer „stillen Epidemie“. Unabhängig vom Schweregrad gilt: Ruhe ist das Wichtigste. „Rest as needed“ – so viel Erholung, wie der Körper braucht.

Wer hat ein erhöhtes Risiko?

Bestimmte Gruppen trifft es häufiger, erläutert der Neurologe: „Junge Männer zwischen 15 und 24 Jahren gehen im Sport oft hohe Risiken ein und bei älteren Menschen nehmen Stürze zu.“ Auch Kleinkinder zählen zur Risikogruppe, da ihr Kopf im Verhältnis zum Körper noch groß und schwer ist. Für viele Profi-Sportler:innen gehört die Gehirnerschütterung zum Berufsrisiko – sie gilt dann als Arbeitsunfall. Auch diesen Sommer wird die Fußball-WM in Nordamerika wieder viele spektakuläre Kopfbälle zeigen. Hoffen wir, dass alle Spieler ihre Erfolge bewusst erleben – und nicht wie Christoph Kramer ohne Erinnerung daran bleiben.

Experte für diesen Artikel:

DR. ANDREAS GONSCHOREK
Chefarzt des Neurozentrums und Leiter des Concussion Centers im BG Klinikum Hamburg


Fotos: BG Klinikum Hamburg

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