Foto: Ground Picture/Shutterstock

Altersdepression

Nur ein bisschen müde?

Die körperliche Kraft schwindet, die Kontakte werden weniger und auch das Interesse lässt mitunter nach. Normale Begleiterscheinungen des Alters heißt es dann oft. Es könnte aber auch eine Altersdepression sein. Und die ist nicht zu unterschätzen.

Von Britta Schmeis

Opa ist etwas müde oder Oma einfach ein bisschen tüdelig. „Diese Einschätzung mag stimmen und hat sicher auch ihre Berechtigung“, meint Dr. Oliver Mittermeier, Leitender Oberarzt der Psychiatrie und Psychotherapie am Albertinen Krankenhaus. Bei starken Symptomen könne es sich aber auch um eine Depression handeln, die mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität einhergeht und durchaus ernst genommen werden sollte.

Klare Symptombeschreibung


Damit Fachleute eine Depression erkennen können, orientieren sie sich an einem klaren Katalog von Symptomen. Die drei Hauptkriterien lauten: gedrückte Stimmung/Traurigkeit, Erschöpfungssensibilität und Interessenverlust. „Beherrscht eines dieser Merkmale das tägliche Erleben über mindestens 14 Tage, sprechen wir von einer Depression“, erklärt Mittermeier.
Im Unterschied zu jüngeren Menschen geht eine solche Depression bei Älteren oft auch mit körperlichen Beschwerden einher. Dazu zählen etwa Schwindel, ein stärkeres Schmerzempfinden oder auch Schlafstörungen. Das wiederum führt zu einem Verlust der Alltagstauglichkeit. In schweren Fällen kommen Suizidgedanken hinzu.

Emotionen werden nicht ernst genommen


„Fakt ist, dass Depressionen im Alter oft unterdiagnostiziert sind. Auch weil das Krankheitsbild so diffus ist“, so der Psychiater. Eine Hürde sei außerdem, dass ältere Menschen und insbesondere Männer nie gelernt hätten, über Gefühle zu sprechen und emotionales Verhalten bei sich selbst überhaupt als solches wahrzunehmen. „Wenn Angehörigen so etwas auffällt, rate ich, offen darüber zu sprechen und zu sagen: ‚Ich mache mir Sorgen um dich, bitte geh mal zum Arzt‘.“

Demenz und Depression verstärken sich gegenseitig


Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl körperlicher Begleiterkrankungen. Das erschwert die Diagnose zusätzlich, denn auch andere Erkrankungen können ähnliche Symptome auslösen: Eine Schilddrüsenunterfunktion kann Antriebslosigkeit verursachen, Blutarmut macht müde, und nach einem Schlaganfall können geistige oder körperliche Einschränkungen zurückbleiben.
Besonders schwierig ist es, eine Depression von einer beginnenden Demenz zu unterscheiden – oft treten beide sogar gemeinsam auf. Aber: Während sich eine Demenz meist schleichend über einen längeren Zeitraum entwickelt, treten Depressionen in der Regel phasenweise auf.

Gute Aussichten auf Besserung


Trotz aller Herausforderungen gibt es heute sehr gute Therapiemöglichkeiten. Im Albertinen Krankenhaus setzt man auf ein ganzheitliches Konzept, das medikamentöse, psychotherapeutische und psychosoziale Ansätze miteinander verbindet. „Eine Altersdepression ist eine ernst zu nehmende, aber gut behandelbare Erkrankung“, betont Mittermeier

Experte für diesen Artikel:

Porträt eines freundlich blickenden Mannes (Dr. Oliver Mittermeier) mit grauem Haar und schwarzer Brille. Er trägt einen grauen Pullover über einem dunkelblauen Hemd. Der Hintergrund ist unscharf.
DR. OLIVER MITTERMEIER
Leitender Oberarzt der Psychiatrie und Psychotherapie am Albertinen Krankenhau


Fotos: Immanuel Albertinen Diakonie

Diesen Beitrag teilen