gute besserung! | Hannes Hellmann | Schauspieler | Notruf Hafenkante

Ich bin kein Männermann

„Ich bin kein Männermann“


gute besserung! | Hannes Hellmann | Schauspieler | Notruf Hafenkante

In über 200 Filmen, Serien und Krimis war Schauspieler Hannes Hellmann schon zu sehen – und es ist zum Glück kein Ende Sicht. Seit 2013 ist der gebürtige Berliner als Polizeiobermeister Wolf Haller in der ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“ mit dabei. Warum der 68-Jährige dennoch lieber den Bösen spielt, japanische Kampfkunst liebt und wovor er Angst hat, verrät er im Gespräch.

Wie werden Sie in Hamburg auf der Straße wahrgenommen? Als Kiezgröße oder eher als Polizeiobermeister Wolf Haller aus der „Notruf Hafenkante“? 

Ich werde ganz selten angesprochen und wenn bezieht es sich auf die „Notruf-Hafenkante“. Mir schlägt aber kein Mensch sofort auf die Schulter, weil ich oft die etwas zwielichtigen Figuren spiele. Ich merke aber, dass die Leute gucken, flüstern und sich oft fragen, von wo kenne ich diese Nase? Erst gestern sagte wieder eine Galeristin zu mir: „Woher kenne ich Ihr Gesicht?“

Wie kam es zu den zwielichtigen Filmrollen? 

Am Beginn meiner Karriere habe ich nur Theater gespielt. Ich war früher aber eine ziemliche Ecke, mit einem ausrasierten Nacken und Pferdeschwanz und als ich 1994 am Thalia Theater anfing, wurde ich auch beim Film besetzt – besonders gerne als Rotlicht-Milieu-Figur. Das war lustig, damals kam ich an viele interessante Orte in Hamburg. Es war ein großer Spaß. 

In der international preisgekrönten Web-Comedyserie „Wolfgang - Der Mann für die Sünde“ spielten Sie von 2017 bis 2020 den Beichtvater. Mimen Sie heute lieber den Priester als den Sünder? 

Haha! Der Priester, den ich verkörpere, ist mindestens so ein Sünder wie alle anderen. (Lacht.) Ich mag die Zwielichtigen und Bösen gerne, weil ich so lauter Sachen machen kann, für die ich nicht bestraft werde. Eine Person laut anzuschreien, ist doch quasi wie ein Liebesdienst, um mit ihr oder ihm ordentlich zu spielen. 

Wofür brennen Sie mehr: für Film & Fernsehen oder fürs Theater? 

Beide Welten finde ich cool, weil beide so unterschiedlich sind. Fernsehen ist total sportlich. Wenn mir abends noch etwas einfällt, ist das zu spät. Ich muss am Set zusammen mit meinen Kollegen:innen Lösungen finden. Das ist mir sowieso am wichtigsten, dass ich mit Leuten zusammenarbeiten kann, mich gut verstehe und etwas Neues entsteht, das es vorher so nicht gab.

Und beim Theater? 

Da stehen lauter Fragen: Wie erzählen wir das? Sollen wir das realistisch spielen? Das Spiel wird auf der Bühne bestimmt. In einem großen Haus wie Düsseldorf, mit 2000 Menschen, da muss das Tempo stimmen. Ich muss dort schneller sein als das Publikum. In Unna sitzen dagegen 300 Personen, da kann ich mir mehr Zeit lassen. Auch mit den emotionalen Momenten im Stück, weil die Zuschauer:innen nah dran sind.

Apropos nah dran. In dem Kinofilm „DER MANN DER DIE WELT ASS“, der während der Corona-Zeit unter der Regie von Johannes Suhm gedreht wurde, spielen Sie einen dementen Vater. Es gibt viele berührende Szenen im Film, unter anderem eine, in der Sie sich im Schrank verstecken, weil Sie Angst vor Ihrem eigenen Sohn haben. Wovor haben Sie als Schauspieler Angst? 

Als Schauspieler habe ich so Träume, die bestimmt jede oder jeder in der Branche kennt: Ich muss gleich auf die Bühne und ich finde meinen Text nicht. Ich suche ihn vergebens. Es entstehen lauter Schwierigkeiten, während ich auf die Bühne muss. Dann reicht mir jemand den Text, aber es fehlt eine Seite. Es geht immer so weiter und es ist alles ganz schrecklich. Es ist wie eine Aufgabe, auf die ich mich nicht vorbereiten kann und ins kalte Wasser springen muss. 

Und als Privatperson?

Ich hätte niemals gedacht, dass Neonazis wieder entstehen können. Es ist doch ganz klar, dass das ganz fürchterlich und dämlich ist. Als Schüler in Berlin-West und als junger Erwachsener dachte ich, dass die Leute das für alle Zeit verstanden hätten.

In „DER MANN DER DIE WELT ASS“ herrscht eine große Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn. Dazu kommen der Generationskonflikt und ein hoher Erwartungsdruck. Was würden Sie jungen Menschen gerne mitgeben? 

Ich glaube nicht ans Mitgeben. Mein Vorbild ist mein Vater. Er ist vor ein paar Monaten mit 97 Jahren gestorben und hat sehr in sich geruht. Uns Kindern hat er stets sehr interessiert zugehört und uns ansonsten in Ruhe machen lassen. Ab und an hat er Fragen gestellt, wenn er etwas nicht verstanden hat. Ich finde es auch wichtig, mein Ding vorzuleben und andere können dann schauen, was sie davon mitnehmen. Schließlich weiß ich nicht, was die anderen überhaupt verstehen. Kommunikation ist ein weites Feld. Es ist wie beim Regieführen: Der Schauspieler agiert, der Regisseur versteht es aber andersartig und äußert daraufhin eine positive Kritik. Der Mime bekommt davon wiederum etwas anderes mit und setzt es so um, wie er denkt. Und am Ende freut sich der Regisseur darüber. Das positive Missverständnis ist doch die Grundlage unseres Miteinanders. 

Was für ein Männerbild haben Sie von sich selbst? 

Ich bin nicht ganz weit weg von dem Vater in „DER MANN DER DIE WELT ASS.“ Ich spiele immer aus mir selber heraus, sonst ist es nicht authentisch. Es ist aber so, dass ich mich viel besser mit Frauen unterhalten und auch zusammen sein kann. Was ich nicht mag, sind Männergruppen, die sich zum Fußball spielen oder zum Waldspaziergang mit Lagerfeuer treffen. Ich bin überhaupt kein Männermann. 

Sie praktizieren Aikidō, eine japanische Kampfkunst; schon seit über 20 Jahren. Wie kam es dazu? 

Das war ein Angebot an der Schauspiel-Schule, damals der Hochschule der Künste (HDK) in Berlin-West. Aikidō ist eine Kunstform, die mit der Energie des anderen arbeitet. Ganz simpel erklärt, funktioniert es so: Es kommt jemand auf dich zu, der dich drückt oder schubst. Du gehst einen Schritt zur Seite und wendest eine Technik an, dass er mit dem Schwung, mit dem er angekommen ist, um dich umzuschmeißen, dann selber umfällt. Daraus kann jeder und jede unglaublich viel lernen. 

In „Kiezjargon“, der auf dem Hamburger Filmfest 2022 seine Premiere feierte, treffen Sie auf den jungen Mimen Albert Lichtenstein. Trotz des Altersunterschieds spielen Sie sich die Bälle perfekt zu. Inwieweit, würden Sie sagen, findet die japanische Kampfkunst auch in Ihrem Schauspiel statt?

Das ist für mich schwer zu beurteilen, weil ich da drinstecke, aber ein großer Teil dieser Kunstform steckt in mir. Aber ich schöpfe aus Aikidō auf jeden Fall viel Energie. Auch, weil es physisch ist. Ich atme anders und ich kann fallen wie ein junger Gott. Kurz vorm Auftritt oder bevor die Klappe fällt, konzentriere ich mich immer auf mein Zentrum. Das mache ich automatisch und es hilft mir dabei, loszulassen und nicht zu verspannen. Ich werde ganz weich und kann anfangen zu spielen. Außerdem habe ich durch Aikidō gelernt, Kraft zu sparen, effizient zu sein sowie mit der Erschöpfung zu arbeiten – das Training ist hart. Ich gehe ständig zu Boden oder werde zu Boden geworfen. Solche Körperarbeiten und Basis-Arbeiten aus dem Aikidō lassen sich aber nicht nur gut auf den Dreh und Theater, sondern auch in den Alltag und ins Management übertragen. 

Was hätten Sie rückblickend gerne früher gewusst? 

Ich hätte gerne vorher den Durchblick gehabt. Das hätte mich aber vielleicht daran gehindert, so positiv naiv durchs Leben zu gehen. Insofern bringt dieser Gedanke wieder nichts. Aber einer, der alles weiß, der tut doch gar nichts mehr.

 
Das ist Hannes Hellmann 

Nach Intermezzi als Gitarrenlehrer, Liedermacher und Kabarettist absolvierte Hannes Hellmann 1980 sein Schauspiel-Diplom an der Universität der Künste in Berlin. Zwölf Jahre war er festes Mitglied des Ensembles des Theaters an der Ruhr in Mülheim (1981-1993). Es folgten Festivals auf der ganzen Welt sowie u. a. eine Beschäftigung am Thalia Theater von 1994 bis 1998. Hellmann hat bereits mit Regie-Legenden wie Roberto Ciulli, Robert Wilson oder Jürgen Flimm gearbeitet. Er spielte in „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni den deutschen Unteroffizier und stand in „Werk ohne Autor“, der 2019 für den Oscar nominiert war, genauso vor der Kamera wie in den Kultfilmen der 90er-Jahre, darunter „Männerpension“ oder „Absolute Giganten“. Aus dem Fernsehen kennen die Zuschauer:innen ihn aus Serien wie „Bella Block“, den „Sokos“ oder der „Notruf Hafenkante“. Der viel beschäftigte Schauspieler und Sprecher ist ein Multitalent: Er spielt klassische Gitarre, E- und Kontrabass, Saxophon, Flöte und Tenorhorn, reimt jede Woche eine Fabel, zeichnet Karikaturen, ist zertifizierter Teamcoach und weiß, sich in Aikidō zu verteidigen.

Weiterführende Links zu Hannes Hellmann

Auf seinem Insta Account postet er jeden Sonntag einen Reim und eine selbst gezeichnete Fabel: 
HELLMANNs ERHELLENDE FABELN (@hellmanns.erhellende.fabeln) • Instagram-Fotos und -Videos

Die fabelhafte Homepage lautet:
https://www.hellmanns-erhellende-fabeln.de

Die Web-Comedyserie „Wolfgang – Der Mann für die Sünde“:
The Man For Your Sins - Season 2 and Season 3


Beitragsbilder: © NDR Georges-Pauly / Nicolaus Herrmann / Mathias Bothor

 
 
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