„ICH WILL MICH NICHT ALLEIN AUF DIE SCHAUSPIELEREI REDUZIEREN“

„ICH WILL MICH NICHT ALLEIN AUF DIE SCHAUSPIELEREI REDUZIEREN“


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Berufswunsch Ärztin, dann Jurastudentin, schließlich erfolgreiche Schauspielerin: Christina Hecke hat ihren Platz gefunden, doch nicht nur in der Schauspielerei. Sie lebt und liebt die Vielfalt des Lebens. Wir haben mit der 43-Jährigen über ihre Rollenwahl, eine Nahtod-Erfahrung und ihre Einstellung zu Früherkennungsuntersuchungen gesprochen.

Frau Hecke, Sie sind vielen als Kommissarin Judith Mohn aus dem Samstagskrimi „In Wahrheit“ bekannt, haben schon in zahlreichen Fernsehfilmen mitgespielt, regelmäßig auch in den „Kommissar Dupin“- Filmen, trotzdem werden Sie gern als „Tatort“- Schauspielerin bezeichnet. Warum? 

Das „Tatort“-Label ist ein Gütesiegel, das sich irgendwann mal in die Berichterstattung über mich und wohl auch bei vielen Menschen eingenistet hat, wahrscheinlich mit falschen Assoziationen, denn ich bin ja keine Tatort-Kommissarin, sondern Kommissarin in der ZDFReihe „In Wahrheit“. Im Tatort war ich in verschiedenen Folgen in ganz unterschiedlichen Rollen zu sehen.

Liegen Ihnen denn Krimis besonders und macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie eine Polizistin, Mörderin oder alleinerziehende Mutter spielen? 

Nein, eigentlich nicht. Krimis sind in Deutschland nur extrem beliebt, entsprechend viele Angebote gibt es. Grundsätzlich macht es für mich tatsächlich keinen Unterschied, welche Rolle ich spiele. Ich glaube, durch den Lebensweg, den ich gehe, und die Berührungspunkte, die ich schon hatte, ist mein Wesen so vielfältig aufgestellt, dass ich alles so aufnehme, wie es erstmal ist. In dem Film „Leben über Kreuz“, der gerade Anfang Mai im ZDF lief, spiele ich beispielsweise eine Frau, die schwer nierenkrank ist. Sie hat eigentlich schon mit ihrem Leben abgeschlossen, für ihre Kinder aber lässt sie sich auf eine bedenkliche Organspende ein. Eine solche Entscheidung verführt dazu, zu urteilen und zu verurteilen, aber das mache ich mit meinen Figuren nicht. 

Ursprünglich wollten Sie Ärztin werden, dann haben Sie bis zum ersten Staatsexamen Jura studiert und sind schließlich Schauspielerin geworden. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Weg? 

Ich wollte unbedingt Ärztin werden, meine Großeltern mütterlicherseits waren beide Ärzte. Ich habe vorbereitend schon als Sanitäterin gearbeitet, aber für eine Zulassung zum Studium hat es nicht gereicht. Mit Jura hatte ich erstmal einen Platz an der Uni und habe entdeckt, dass die Rechtswissenschaft doch auch ganz spannend ist. Da bin ich hängen geblieben, habe aber mit näherndem Examen gemerkt, dass ich mein Leben über Bewegung generieren muss. Und mir ist klar geworden, dass mein Berufswunsch nicht unbedingt der Platz ist, an dem ich gebraucht werde. Viele Menschen verrennen sich in dem, was sie glauben, machen zu wollen oder zu müssen. Mich hat es dahin gespült, wo ich jetzt bin, ich habe meinen Platz gefunden. 

Zunächst auf die Theaterbühne, dann zum Film und Fernsehen. Warum der Wechsel? 

Schon im Studium habe ich immer gern vor der Kamera gestanden und auch während der Spielzeitpausen im Sommer. Die große Bühne mit exaltierenden ausladenden Bewegungen war eine Zeitlang auch attraktiv. Aber irgendwann hatte ich einen Bühnenunfall, bei dem ich mir vier Finger der rechten Hand gebrochen habe, weil eine Klappe nicht gesichert war. Auch davor hatte ich schon diverse Erfahrungen, durch die mir klar wurde, dass die Bühne vom Körper eine ganz andere substanzielle Kraft fordert. Und da habe ich erkannt, dass mir das intimere, das kleinere, feine Spiel, das die Kamera erfordert, mehr liegt. 

Sie machen auch Musik, haben mit Ihrer Frau, der Fotografin Steffi Henn, ein Album veröffentlicht. Ist das ein Hobby oder eine zweite Karriere für Sie? 

Wir verfolgen das einfach, weil wir das wollen und weil es irgendwo auf einen Nährboden fällt. Ich glaube, dass alle Impulse, die uns gegeben werden, fürs Kollektiv gebraucht werden und wenn es nur für einen Einzelnen ist. Es muss ja nicht immer die große Masse sein, aber da, wo es ankommt, hat es einen Wert. Das ist großartig und da ist es egal, ob ich Schauspielerin, Buchautorin oder Musikerin bin. All diese Aufgaben sind so unterschiedlich, aber alle haben ihre Berechtigung. Ich finde es eng zu denken, man könne nur eines machen. Im Fokussieren sind wir Deutschen ganz groß, aber darin können wir uns in unserer großartigen Vielfältigkeit auch beschränken. 

Vor vier Jahren haben Sie Steffi Henn geheiratet und da auch erst Ihre Beziehung öffentlich gemacht, nachdem Sie schon länger zusammen waren. Warum erst so spät? 

Vorher war es einfach nicht an der Zeit und das hat natürlich etwas mit meinem Job zu tun. Denn in dem Moment, wo eine persönliche Information über eine Schauspielerin oder einen Schauspieler bekannt ist, kann das zuträglich sein, etwa bei Christiane Paul, die ja Ärztin ist, oder aber auch schaden, etwa wenn bekannt wird, dass ein Schauspieler ein notorischer Fremdgeher ist. Dann wird er nicht mehr gern als treuer Familienvater besetzt. Jede Info, die über eine Person bekannt ist, färbt die weiße Leinwand, die wir eigentlich sein sollen, um eine Figur darzustellen. Und genau das wollte ich lange von mir fernhalten. 

Hat sich denn daran etwas geändert?

Solche Zuschreibungen beschränken uns als Gesellschaft. Das ändert sich leider nur langsam. Denn selbst diejenigen, die nicht den allgemeingültigen Normen entsprechen, stellen sich als anders heraus. Ich denke aber, es darf gar kein anders geben. Wir sind in unserer Vielfalt eins. 

Nach einem schweren Autounfall vor gut zwölf Jahren lagen Sie mehrere Tage im künstlichen Koma. Wie hat diese Erfahrung Sie verändert? 

Nachdem ich mit der Nahtod-Erfahrung aus dem Koma aufgewacht bin, hatte ich die Erkenntnis, dass das Leben nicht linear verläuft, sondern ein Kreislauf ist. Es mag schwer zu verstehen sein, aber mir ist bewusst geworden, dass das Leben mehr ist, als nur Mensch zu sein. Sich aufs Menschsein zu konzentrieren, würde bedeuten, das Leben in eine Sardinendose zu sperren, es ist aber viel mehr. Man sollte das Leben nicht nur auf das Wissenschaftliche reduzieren, die Erklärbarkeit über die fünf Sinne und die Beweisbarkeit der Dinge. Darüber habe ich das Buch „Mal ehrlich – Mein Blick hinter unser Leben“ geschrieben. 

Aber es waren doch Ärzt:innen – die ihr Tun ja auf die Wissenschaft stützen – die Ihnen das Leben gerettet haben. 

Absolut und ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und dem, was sie leisten. Ich habe eine lange Krankenhaushistorie, auch schon vor dem schweren Unfall, und habe großartige Erfahrungen gemacht. Ich bin nur der Überzeugung, dass wir auch auf unseren Körper hören müssen, um herauszufinden, was uns fehlt, und die Last nicht nur auf die Schultern der Ärzte zu verlagern. Schon Hippokrates hat gesagt, dass wir das loslassen müssen, was uns krank macht. Das ist meiner Ansicht nach eine Voraussetzung für eine erfolgreiche medizinische Behandlung. 

Seele und Körper müssen also im Einklang sein. Wie halten Sie es mit Früherkennungsuntersuchungen? 

Die sind eine Selbstverständlichkeit für mich. Wir fahren ja auch mit unserem Auto regelmäßig zur Inspektion in die Werkstatt. Also sollten wir auch unseren Körper regelmäßig einer solchen Inspektion unterziehen. 

Eine letzte Frage: Sie sind in Stuttgart geboren, in Wiesbaden aufgewachsen und leben in Berlin. Welche Beziehung haben Sie zu Hamburg? 

Oh, eine sehr enge. Mein Großvater ist Hamburger, ich habe in Hamburg viele Freunde und arbeite auch regelmäßig dort. Die Studioaufnahmen für „In Wahrheit“ werden in Hamburg gedreht und die zuständige Produktionsfirma Network Movie hat ihren Sitz am Baumwall.

DAS IST CHRISTINA HECKE
Die Schauspielerin Christina Hecke kam 1979 in Stuttgart zur Welt und wuchs in Wiesbaden auf. Nach einem abgebrochenen Jura-Studium ließ sie sich an der Schauspielschule Mainz ausbilden, war unter anderem Ensemble-Mitglied beim E.T.A. Hoffmann-Theater in Bamberg. Nach einem Bühnenunfall wand sie sich vermehrt Film und Fernsehen zu. So spielte sie etwa in Christian Petzolds DDR-Drama „Barbara“ mit. Seit Jahren ist sie als Kommissarin in „In Wahrheit“ zu sehen und als Freundin von „Kommissar Dupin“. Hecke macht außerdem Musik, hat nach einem schweren Unfall das Buch „Mal ehrlich – Mein Blick hinter unser Leben“ geschrieben und betreibt eine Praxis für Body Treatment.

Beitragsbild: © Manju_Sawhney / ZDF


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