Keine Liebe ohne Leistung?

Keine Liebe ohne Leistung?


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Kinder bedingungslos zu lieben heißt, sie unabhängig von Erfolg und mit all ihren Schwächen anzunehmen und immer für sie da zu sein. Für Eltern mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung ist das oft sehr schwer möglich. Was bedeutet das für die Kinder?

Narzissten sind oft selbstverliebt, sehr von sich überzeugt und kreisen oftmals um sich. Dieses „selbstbewusste“ Auftreten kann etwas sehr Mitreißendes haben. Auf Kränkungen, Kritik und Misserfolge reagieren Narzissten dagegen häufig sehr stark – sowohl Aggressivität aber auch Selbstzweifel, Leeregefühl oder sogar Suizidgedanken können die Folge sein, führt Dr. Angela Plaß-Christl, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Ev. Krankenhaus Alsterdorf, aus. Indirekt lasse sich der Rückschluss ziehen, dass das Selbstwertgefühl nicht besonders stabil sei. Das hat Auswirkungen auf die Eltern- Kind-Beziehung. 

Narzissten brauchen Kinder zur eigenen Aufwertung 

Um ihr eigenes Selbstwertgefühl zu stabilisieren, (miss)brauchen Narzissten ihre Kinder. „Sie sollen toll im Sport sein oder erfolgreich in der Schule. Der Druck, der auf den Kindern lastet, ist extrem hoch, Raum für die kindlichen Bedürfnisse gibt es dabei kaum. Schaffen es die Kinder nicht, den Anforderungen gerecht zu werden, werden sie häufig zurückgewiesen und mit Liebesentzug bestraft“, erläutert die Kinder- und Jugendpsychiaterin. 

Was passiert mit Kindern, die immer zurückstecken? 

Die Ausprägungen könnten ganz unterschiedlich sein und oft tauchten die Probleme erst in der kritischen Phase der Pubertät oder im Erwachsenenalter auf. In der Eltern-Kind-Klinik am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf werden psychisch erkrankte Mütter oder Väter und ihre Kinder gleichzeitig behandelt – ein innovatives Konzept, sagt Dr. Angela Plaß-Christl: „Wir sehen hier eher jüngere Kinder, die die Leistungsanforderungen schon früh nicht mehr erfüllen können. Manche Kinder reagieren eher ängstlich und zurückgezogen, aber genauso gut ist es möglich, dass sie in verschiedenen Bereichen auffallen, sich nicht anpassen können, zu Wutausbrüchen neigen.“ Oft kämen die Eltern dann mit der Einstellung „Mit meinem Kind stimmt etwas nicht, bitte therapieren Sie es!“ Dass sie selbst Teil des Problems sind, würden insbesondere narzisstische Eltern oft nicht erkennen, so die Ärztin. 

Verständnis ist der einzige Zugang 

In der Klinik erhalten die Eltern Therapie, das Kind – und beide gemeinsam. Aber vielen Müttern oder Vätern mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung fällt es nicht leicht, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Oft haben sie selbst belastende Erfahrungen in der Kindheit gemacht. Deshalb ist es für die Medizinerin äußerst wichtig, Verständnis und Empathie auch für die Eltern zu entwickeln. Das sei der einzige Zugang zur Zusammenarbeit. Und diese Zusammenarbeit lohnt sich: Durch eine gemeinsame Therapie kann sich das Eltern-Kind-Verhältnis positiv entwickeln und belastende Verhaltensmuster durchbrochen werden.


Beitragsbild: © Halfpoint / shutterstock

 
 
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