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Wenn die Seele länger braucht
Eine Krebsdiagnose verändert von einem Moment auf den anderen alles. Während medizinische Behandlungen schnell anlaufen, bleibt für die eigenen Gefühle oft kaum Raum. Genau hier setzt die Psychoonkologie an.
Von Britta Schmeis
Auf die Diagnose folgt eine Fülle an Fragen, Entscheidungen und Behandlungsschritten wie Operation, Bestrahlung, Chemotherapie. „Das geht oft so schnell und ist so anstrengend, dass die Menschen kaum Zeit und Ruhe finden, sich mit ihren Ängsten zu beschäftigen. Die Seele braucht meist länger als der Verstand, um eine solche Diagnose zu verarbeiten”, erklärt Psychologische Psychotherapeutin und Psychoonkologin Julia Sopper, die seit fast 20 Jahren onkologische Patientinnen und Patienten im Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg betreut.
Erst das Jetzt, dann die Zukunft
„Wir treten recht schnell nach der Operation in Kontakt mit den Betroffenen und bieten ein Gespräch an“, so Sopper. „Das nehmen die meisten gern an.” Denn zu diesem Zeitpunkt warten viele noch auf ihren endgültigen Befund – und fürchten sich davor. In den Gesprächen geht es um den Umgang mit der Angst. „Wir unterstützen auch dabei, im Hier und Jetzt zu bleiben, und zeigen auf, dass immer ein Schritt auf den nächsten folgt.“ Hin und wieder wenden sich Patientinnen und Patienten auch direkt nach der erste Diagnose, also vor der OP, an die Psychoonkologinnen.
Ein geschützter Raum
Dieser Austausch ist für Betroffene eine enorme Entlastung. „Bei uns können sie sich ganz anders öffnen. Viele möchten ihre Angehörigen, die sich um sie sorgen, nicht noch zusätzlich mit ihren eigenen Ängsten belasten. Gleichzeitig neigen Familie und Freunde dazu, Optimismus zu verbreiten“, weiß Sopper aus ihrer langjährigen Erfahrung. „Meine Kollegin und ich bieten den Betroffenen eine andere Ebene. Einen geschützten Raum mit einer neutralen Person, mit der offen gesprochen werden kann und die bei Bedarf auch medizinische Gespräche begleitet.”
Ängste, Erinnerungen, neue Fragen
„Bei einigen Patientinnen und Patienten treten durch die Krebsdiagnose und die damit verbundenen Ängste alte Traumata oder frühere psychische Erkrankungen wieder in den Vordergrund“, schildert sie. „Darauf gehen wir individuell ein.” Andere wiederum seien vor der Erkrankung körperlich und seelisch völlig gesund gewesen. „Für manche ist es der erste Kontakt mit einer Psychologin“, so Sopper. „Diese Gespräche können helfen, Hemmschwellen abzubauen und den Zugang zu weiterer psychotherapeutischer Unterstützung zu erleichtern."
Auch für Angehörige
Das gilt nicht nur für Menschen mit Krebserkrankung, das Angebot der Psychoonkologie richtet sich auch an Angehörige. „Auch sie wissen oft nicht, wohin mit ihren Ängsten“, betont die Psychoonkologin. Manchmal tragen diese Gespräche sogar dazu bei, dass Erkrankte und ihre Familien oder Freundinnen und Freunde eine neue, offenere Gesprächsebene miteinander finden – auch das ist ein Teil der psychoonkologischen Betreuung.
Expertin für diesen Artikel:

JULIA SOPPER
Psychologische Psychotherapeutin und Psychoonkologin im Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg



