Adel Tawil

Adel Tawil: „Der totale Stillstand“

Adel Tawil: „Der totale Stillstand“


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Nach einem Unfall wird der Musiker Adel Tawil Präsident der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung. Im Interview erklärt er, was ihm die Stiftungsarbeit bedeutet und wieso sein aktuelles Studioalbum kritische Töne enthält.

Das ist Adel Tawil

Der deutsche Pop-Musiker, Songwriter und Produzent wurde 1978 in Berlin geboren und ist im Bezirk Spandau aufgewachsen. Die Karriere des 42-Jährigen beginnt Ende der 90er. 2003 gründet er gemeinsam mit Annette Humpe das Pop-Duo „Ich + Ich“ und kreiert Hits wie „Vom selben Stern“. 2013 folgt das erste Soloalbum „Lieder“. Nach einem Badeunfall wird Adel Tawil Ende 2017 Präsident der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung und unterstützt seitdem schädelhirnverletzte Unfallopfer und deren Angehörige.

Interview

Der Schwerpunkt unserer Ausgabe lautet „Zurück ins Leben“. Wie schwer war es für Dich, nach Deinem Unfall wieder „zurück ins Leben“ zu finden?

Zuerst war es ein echter Schock. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu realisieren, was passiert ist – zu merken, wie schwer ich mich verletzt habe. Der totale Stillstand. Selbst Musik machen und neue Lieder aufnehmen hat anfangs nicht geklappt. Nach einem halben Jahr wurde es besser, ich habe versucht, das Positive zu sehen. Rückblickend hat der Unfall mich stärker gemacht, ich hatte sehr viel Glück.

Wegen des Coronavirus sind viele Konzerte und Festivals abgesagt worden. Auch Du hast Deine Tour verschieben müssen. Wie gehst Du als Musiker mit der Pandemie um?

Ich habe die Zeit ungeplant in Ägypten verbracht. Eigentlich wollte ich dort neue Songs schreiben, das hat sich aber mit Corona erledigt, mein Produzent war in Deutschland. Stattdessen konnte ich die Zeit vor Ort nutzen, um bei meiner Familie zu sein. Nach zwei Monaten völliger Quarantäne ist in mir der Drang gewachsen, Musik zu machen. Aus El Gouna habe ich dann ein paar Livestreams mit Musikern vor Ort organisiert. Das hat unheimlich Spaß gemacht und Abwechslung in den Alltag gebracht.

Hoch hinaus: Fünfmal ist Adel Tawil mit dem ECHO und zweimal mit dem Deutschen Musikautorenpreis ausgezeichnet worden. (c) Sebastian Magnani

Dein aktuelles und drittes Studioalbum heißt „Alles Lebt“ und verbindet Pop mit urbanem Sound. Inhaltlich übst du darin auch Kritik an der Gesellschaft. Was willst du bewirken?

Für mich ist es selbstverständlich über Themen zu schreiben, die ich tagtäglich erlebe und die mir zu denken geben. Gerade die Lieder „Liebe to go“ und „Katsching“ sind aktueller denn je. Inzwischen gibt es alles Mögliche „to go“, vieles ist auf Konsum ausgerichtet und wird schnell im Vorbeigehen erledigt. Bei „Katsching“ geht es um Turbokapitalismus. Ich habe den Eindruck, wir müssen aufpassen, dass das nicht aus den Fugen gerät und wir uns nicht verlieren.

Wo siehst Du Handlungsbedarf?

Entschleunigung ist entscheidend. Wir haben verlernt, uns mal zu langweilen und rennen stattdessen ständig irgendwelchen neuen Trends und dem nächst größeren Kick hinterher.

Seit Ende 2017 bist Du Präsident der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems. Was genau verbirgt sich dahinter?

Die Stiftung kümmert sich um Menschen mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma und deren Angehörige. Schwerpunkt ist die Prävention und die Begleitung durch die Krankheit. Durch meinen eigenen Unfall ist mir die Bedeutung einer Kopfverletzung bewusst geworden… das kann so schnell gehen, solche Verletzungen treffen Menschen von einer Sekunde auf die andere. Jährlich erleiden 270.000 Menschen eine Schädelhirnverletzung, viele haben mit langfristigen Folgen zu kämpfen. Ein Helm kann vielleicht nicht vor einem Unfall, aber den Kopf schützen.

Welche Stiftungsprojekte sind Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Das ZNS veranstaltet tolle Projekte für betroffene Menschen und deren Angehörige. Ich war bei einer gemeinsamen Kochaktion dabei oder habe auf dem Kurfürstendamm in Berlin Fahrradhelme verteilt. Bei meiner Arbeit für die Stiftung berührt es mich jedes Mal sehr, zu sehen, wie Menschen durch alltägliche Dinge wieder zur Normalität finden oder zumindest etwas Abwechslung erleben können. Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Kraft die Menschen trotz ihrer Einschränkungen den Alltag bewältigen und ihr Leben meistern. Ich freue mich auch schon sehr auf zukünftige Projekte.

An welchen spannenden Projekten arbeitest Du gerade?

Normalerweise wäre ich jetzt auf Tour und würde Open-Air-Konzerte spielen, aber die sind auf 2021 verschoben. Ich nutze die Zeit, um etwas zu entschleunigen, Yoga eignet sich für mich ganz gut. Außerdem mache ich mir Gedanken zu neuen Liedern. Wenn diese Krise etwas Gutes hat, dann, dass viele Menschen ihre Prioritäten verschieben. Gerade gerät das, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, stärker in den Fokus – Themen wie Rassismus, Klimawandel und soziale Gerechtigkeit. Ich würde mich freuen, wenn das Engagement der Menschen nicht abebbt und diese Dinge stärker angegangen werden.


Das Interview führte Kornelia Ediger.
Beitragsbild: © Sebastian Magnani

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