Ganz nah bei Mama und Papa

Ganz nah bei Mama und Papa


 © NUTz / Shutterstock.com

Immer mehr Schwangerschaften werden als Risikoschwangerschaften eingestuft. Eine der möglichen Folgen ist eine Frühgeburt. Jedes Jahr kommen in Deutschland mittlerweile rund 10.000 Kinder mit einem Gewicht von weniger als 1.500 Gramm zur Welt. Normal sind  2.800 bis 4.200 Gramm. Krankenhäuser stellen sich zunehmend darauf ein.

Das Durchschnittsalter werdender Mütter ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Außerdem hat sich die Reproduktionsmedizin verbessert, die bei ungewollter Kinderlosigkeit hilft. Dadurch treten allerdings häufiger Frühgeburten auf“, erklärt Prof. Dr. Lutz Koch, Chefarzt der Neonatologie im Kinderkrankenhaus Wilhelmstift. Weil Früh- oder kranke Neugeborene eine ganz besondere medizinische Versorgung benötigen, bietet das Wilhelmstift im Perinatalzentrum1 die höchste Versorgungsstufe für Mütter sowie Neu- und Frühgeborene mit einem Gewicht unter 1.250 Gramm. Im Mai 2018 wurde die neue Station mit insgesamt 22 Betten eröffnet. Sie befindet sich in den Räumen des Marienkrankenhauses, eine der größten und beliebtesten Geburtskliniken in Deutschland, sodass im gemeinsamen Perinatalzentrum eine Rundumversorgung für Babys unter einem Dach gewährleistet ist. Um den Kindern trotz ihrer frühen Geburt eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen, arbeiten die spezialisierten Mediziner aus dem Wilhelmstift hier nach einem besonderen Behandlungskonzept – dem der „Entwicklungsfördernden Familienzentrierten Individuellen Betreuung für Früh- und Neugeborene“, kurz EFIB®.

Viel Zuwendung und positiv wirkende Reize wichtig

Beim ungeborenen Kind erfolgt die entscheidende Entwicklung des Gehirns zwischen der 22. und 40. Woche. Kommt ein Kind früher auf die Welt, erlebt es einen Teil dieser wichtigen Phase im Inkubator und Wärmebett einer Intensivstation, was eine besondere Herausforderung ist. Prof. Dr. Koch: „Eine normale Entwicklung des Gehirns außerhalb des Mutterleibs ist möglich, wenn das frühgeborene Kind viel Zuwendung und positiv wirkende Reize erfährt, während unangenehme Erfahrungen und Reize vermieden oder minimiert werden.“ Ziel der Behandlung in der Neonatologie ist deshalb die Förderung und Unterstützung der unreifen Funktionen eines frühgeborenen Kindes, ohne körperlichen oder seelischen Schaden durch die Intensivmedizin zu verursachen. Das gelingt, indem sich Eltern von Anfang an aktiv und zunehmend in die gesamte Versorgung ihres Kindes einbringen. Vor allem die körperliche Nähe zu Mutter und Vater spielt eine entscheidende Rolle. Das Baby wird dazu schon in den ersten Lebensstunden und -tagen auf den Bauch genommen („känguruhen“). „Studien belegen, dass diese frühe Familienbindung für die gesunde Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung ist“, so Prof. Dr. Koch. „Auch lernen die Eltern dabei alles rund um die körperliche Grundversorgung, sodass es damit zu Hause dann besser funktioniert.“ Das Wilhelmstift hat dafür ein besonderes Raumkonzept umgesetzt. Hier gibt es sieben speziell eingerichtete Eltern-Kind-Zimmer auf der Intensivstation des Perinatalzentrums1. Jedes Kind wird zudem von einer Schwester rundum betreut.

Frida wog bei der Geburt nur 710 Gramm

Fühlen sich gut betreut: Petra und Andree Wille mit ihrer kleinen Tochter Frida.
© Helen Fischer - www.helenfischer.com

„Wir haben Frida vorgesungen, ihr viele Geschichten erzählt – vor allem vom Meer, denn das lieben wir sehr –, haben täglich viele Stunden mit ihr gekuschelt und waren einfach da“, berichtet Petra Wille (38). Sie hat ihre Tochter in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht. Frida wog da lediglich 710 Gramm. Sie musste erst einige Stunden beatmet werden, danach genügte eine Atemhilfe. „Anschließend war wichtig, dass die Verdauung gut anläuft. Auch das hat gut geklappt“, sagt Wille. „Später ging es natürlich vor allem um Gewichtszunahme, Entwöhnung von der Atemhilfe und schließlich um das Stillen und Trinken.“

Zwei Kilo als magische Marke

Insgesamt 72 Tage „wohnte“ die Familie in der Früh- und Neugeborenenstation des Wilhelmstifts – bis die Kleine schließlich mehr als zwei Kilo wog. „Die magische Marke“, so Petra Wille. „Vom ersten Moment an fühlten wir uns sehr gut betreut. Unsere Fragen wurden stets ernst genommen, alles super erklärt. Wir wurden früh in die Pflege von Frida einbezogen. Und auch die ganze restliche Zeit hatten wir immer das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Und das nicht nur im medizinischen Sinne. In so einer Situation braucht man oft auch einfach mal ein offenes Ohr oder etwas Zuspruch“, schildert sie. „Natürlich hat man wenig Privatsphäre, denn alle zwei Stunden kommt eine Schwester oder ein Pfleger und sieht nach dem Rechten. Trotzdem war es immens wichtig für uns, so viel Zeit bei unserer Tochter sein zu dürfen. Dafür sind wir sehr dankbar!“

Eines der sieben speziell eingerichteten Eltern-Kind-Zimmer, in denen Familie Wille fast zweieinhalb Monate gelebt hat. 
© Betram Solcher

Ihr Ratschlag für Eltern in einer ähnlichen Situation: So viel Hilfe annehmen wie möglich. „Unsere Nachbarn und Freunde haben uns toll unter die Arme gegriffen“, betont sie. „Und auch in der Klinik gab es verschiedene Angebote: der psychosoziale Dienst, das Eltern-Wissensprogramm ELWIS, die Nachsorge der Stiftung SeeYou des Wilhelmstifts …“ All das helfe, damit sich Mutter und Vater noch besser auf das Kind konzentrieren können.


Beitragsbild: © NuTz/Shutterstock.com

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