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Dr. Matthias Schneider untersucht per Ultraschall, ob Darmabschnitte verdickt oder entzündet sind  – typische Zeichen einer aktiven CED.

Titelthema Bauch

Mit neuen Therapien gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Bauchschmerzen, ständiger Stuhldrang, chronische Müdigkeit: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) verlaufen in Schüben und belasten Körper und Seele. In der Spezialambulanz für CED im Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift erhalten Betroffene moderne Therapien, engmaschige Betreuung – und oft zum ersten Mal seit Langem die Chance auf ein weitgehend beschwerdefreies Leben.

Von Rüdiger Stettinski

„Ich hätte alles ausprobiert – Hauptsache, es hört auf“, sagt Dieter von Kortzfleisch. Fast 30 Jahre lang lebte der heute 73-Jährige mit seiner chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa – mit Schmerzen, Ungewissheit und ständiger Angst, die Toilette nicht rechtzeitig zu erreichen. „Auf dem Weg zur Arbeit habe ich unterwegs mehrere Stopps eingelegt – bei einer Tankstelle, einem Restaurant, einer Raststätte. Mein ganzer Tag war komplett um die Krankheit herum organisiert.

Die OP vor Augen


Vor einem Jahr verschlimmerte sich sein Zustand dramatisch. „Mein Darm war auf etwa 30 Zentimetern entzündet“, erinnert er sich. Eine Operation schien unausweichlich. Doch dann lernte er Dr. Matthias Schneider kennen, Oberarzt der Medizinischen Klinik und Leiter der Ambulanz für Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen am Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift. „Bei Herrn von Kortzfleisch war die Erkrankung schon lange bekannt, aber er war immer nur mit Basistherapien behandelt worden“, berichtet Dr. Schneider. „Wir haben uns dann für eine moderne Antikörpertherapie entschieden, für das Medikament Vedolizumab. Es blockiert gezielt Entzündungsbotenstoffe im Körper und wirkt sehr gut, bei gleichzeitig hoher Verträglichkeit.“

Zurück ins Leben

Schon nach wenigen Wochen ging es Herrn von Kortzfleisch deutlich besser. „Nach der vierten oder fünften Infusion waren keine Entzündungswerte mehr nachweisbar“, erzählt er. „Ich konnte wieder reisen, wieder unbeschwert unterwegs sein. Das war wie ein anderes Leben.“ Dr. Schneider nickt. „Das ist genau unser Ziel: eine tiefe Remission, also eine Phase, in der die Entzündung vollständig abgeklungen ist.“

Eine Krankheit – viele Gesichter

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn sind komplex und können viele Organe betreffen. „CED ist eine Systemerkrankung“, erklärt Dr. Schneider. „Manchmal sind auch Gelenke oder die Haut mitbetroffen.“ Deshalb arbeitet die Reinbeker Ambulanz im Rahmen einer sogenannten ASV (ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung) eng mit anderen Fachrichtungen zusammen – darunter Rheumatologie, Dermatologie, Urologie und Gynäkologie.

Teamarbeit für den Darm

„Wenn ich bei einem Patienten Hautveränderungen sehe, muss ich ihn nicht erst zum niedergelassenen Hautarzt schicken“, sagt Dr. Schneider. „Ich kann den Befund fotografieren und direkt an unsere kooperierende Dermatologie weiterleiten – das spart Zeit und Wege. So bleibt alles unter einem Dach.“ Dieter von Kortzfleisch schätzt genau das: „Ich fühle mich hier rundum betreut. Die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegekräfte – alle haben Respekt und nehmen sich Zeit. Ich muss mich nicht schämen oder etwas erklären, sondern werde verstanden.“

Warum es spezialisierte Ambulanzen braucht

Dass das St. Adolf-Stift im September 2024 eine Spezialambulanz für CED eröffnet hat, war eine Reaktion auf den wachsenden Bedarf. „Es gibt immer mehr Menschen mit einem chronisch entzündeten Darm, gleichzeitig gibt es immer weniger Praxen, die sie umfassend betreuen können“, sagt Dr. Schneider. „Zum einen wird die Therapie immer komplexer: Fast jährlich kommen neue Antikörper auf den Markt. Das kann man nicht nebenbei machen. Zum anderen wird die aufwendige Betreuung von CED-Betroffenen leider im System nicht auskömmlich vergütet.“ Nach einem Jahr betreut die Ambulanz bereits über 500 Patientinnen und Patienten – Tendenz steigend. „Wir haben bewusst keine Werbung gemacht“, so Schneider. „Aber das Angebot hat sich herumgesprochen – besonders im Osten Hamburgs, wo es bislang wenig Anlaufstellen gab.“

Therapie mit Fingerspitzengefühl

Wie die Behandlung abläuft, richtet sich ganz nach der Lebenssituation der Betroffenen. Die Präparate werden intravenös als Infusion gegeben oder von den Erkrankten per Einmalspritze selbst injiziert.„Jüngere Berufstätige bevorzugen oft die Selbstinjektion zu Hause“, sagt Schneider. „Ältere Patientinnen und Patienten schätzen eher die Sicherheit der Infusion in der Klinik.“ Dieter von Kortzfleisch erhält derzeit alle sechs Wochen seine Infusion. „Acht Wochen waren zu lang – da kamen die Beschwerden zurück“, sagt er. „Mit dem jetzigen Rhythmus fühle ich mich sicher. Mein Alltag ist wieder planbar.“

Person in Winterkleidung steht vor einer großflächigen Wandillustration mit Figur und Schriftzug.

Dank moderner Antikörpertherapie kann CED-Patient Dieter von Kortzfleisch endlich wieder sein „sein Ding“ machen.

Ein Stück Normalität

CED lässt sich bislang nicht heilen, aber sie lässt sich kontrollieren. „Ziel ist es, die Krankheit so weit zu beruhigen, dass sie sich im höheren Alter quasi ‚wegschleicht‘“, erklärt Dr. Schneider. „Je tiefer die Remission, desto besser die Prognose.“ Für Dieter von Kortzfleisch bedeutet das: Hoffnung. „Ich weiß, dass ich wohl nie ganz ohne Medikamente auskommen werde“, sagt er. „Aber das ist in Ordnung. Mein Sohn hat mich zu einem ACDC-Konzert eingeladen. Ein ganzes Konzert ohne Toilettengang, das fühlte sich für mich wie ein Wunder an!“

Experte für diesen Artikel:

Porträt eines Mannes mit Brille und weißem Arztkittel vor einem hellen Hintergrund.

DR. Matthias Schneider
Oberarzt der Medizinischen Klinik am Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift


Fotos: KH Reinbek

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