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Delir, die unterschätzte Gefahr
Von Britta Schmeis
Viele Jahrzehnte fand eine gewisse Orientierungslosigkeit nach einem operativen Eingriff mit Vollnarkose nur wenig Beachtung. Vom „Durchgangssyndrom“ war da die Rede. Für den Neurologen und Geriater Dr. Peer Spyra ein Ausdruck gefährlicher Verharmlosung. „Ein Delir ist ein schwerwiegendes Krankheitsbild. Die Menschen leben in einem Albtraum, halluzinieren, stehen Todesängste aus und finden keinen Bezug mehr zur Realität“, erklärt der Leitende Oberarzt der Geriatrie am Kath. Marienkrankenhaus.
Die Ursache ist ein Zusammenspiel aus mitgebrachter Verletzlichkeit und belastenden Faktoren im Krankenhaus. Alte Menschen sind besonders betroffen. Bei über 65-Jährigen gilt das Delir als die häufigste Komplikation einer stationären Behandlung. Demenz, Depressionen und Gebrechlichkeit begünstigen es. Besonders tückisch ist das „hypoaktive Delir“, bei dem Betroffenen ruhig, teilnahmslos oder auch schläfrig wirken. „Das wird oft fälschlicherweise als Demenz gedeutet“, erklärt Spyra. Mit einem gezielten Delirmanagement kann dem entgegengewirkt werden – und: Ein Delir ist umkehrbar.
Systematisches Screening
Im besten Fall beginnt die Vorbeugung eines Delirs schon vor einem Eingriff. Menschen mit geplanten OPs sind weit weniger betroffen, weil sie sich mental vorbereiten konnten. Entscheidend für ein gezieltes Delirmanagement ist ein systematisches Screening, das Symptome wie Desorientierung oder unangemessenes Verhalten einordnet.
Orientierung bieten
Ziel ist immer, die Betroffenen wieder in die Realität zu bringen. Das beginnt bei den fünf Grundbedürfnissen: Urin- und Stuhlgang, Hunger, Durst und Schmerzen. Auch Brille, Gebiss und Hörgerät sollten griffbereit verwahrt und den Operierten so schnell wie möglich wieder ausgehändigt werden. „Ohne diese Dinge können sie nicht am Alltag teilnehmen“, sagt Spyra. „Auch persönliche Dinge wie ein Bild oder Buch auf dem Nachtisch bieten Orientierung.“ Zudem ist das Personal speziell geschult, unter anderem in der Kommunikation. Klare Sätze wie „Sie sind im Krankenhaus und gut aufgehoben“ oder „Spüren Sie meine Hand? Ich passe auf Sie auf!“ vermitteln Sicherheit.
Empathie ist entscheidend
„Medikamente können das Leid mindern, das Menschliche aber ist viel wichtiger, um die Patientinnen und Patienten wieder in der Realität zu verankern“, so Spyra und betont: „Wir müssen in deutschen Krankenhäusern das Ziel verfolgen, immer den Menschen hinter dem Delir zu sehen, und das gelingt nur, wenn alle, also Ärztinnen und Ärzte, Pflege- und Therapiepersonal und nicht zuletzt An- und Zugehörige gemeinsam die Weichen in Richtung Normalität stellen.“ Im Kath. Marienkrankenhaus gehört das bereits zum Standard.
Experte für diesen Artikel:

DR. PEER SPYRA
Leitender Oberarzt der Geriatrie im Kath. Marienkrankenhaus



