Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz

Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz


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Kopfschmerzen sind lästig und können den Alltag teils erheblich einschränken. Da hilft es oft nur, die Vorhänge zuzuziehen und sich eine Auszeit zu nehmen. Manchmal können sie aber auch Warnsignal für eine zugrundeliegende Erkrankung sein, erklärt Dr. Frank Trostdorf, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Agaplesion Bethesda Krankenhaus Bergedorf:

Wann ist die Grenze des „Normalen“ bei Kopfschmerzen überschritten?

Fast jeder leidet im Laufe seines Lebens mindestens einmal an Kopfschmerzen. Ein vorübergehender Schmerz mit geringer Intensität ist also völlig normal und in den allermeisten Fällen harmlos. Oft lohnt es sich jedoch, genauer hinzusehen. Dazu unterscheiden wir zwischen zwei grundlegenden Arten: dem primären und dem sekundären Kopfschmerz. Dabei ist der primäre Kopfschmerz die ungefährlichere Variante. Zu dieser Gruppe zählen Spannungskopfschmerzen, der seltenere Cluster-Kopfschmerz und die Migräne. Bei den beiden letzteren ist es mehr, als ab und an mal Kopfweh zu haben. Hier ist der Kopfschmerz kein Symptom für eine Erkrankung, sondern die Erkrankung selbst. Sie kommen episodisch vor, mit teils extremer Intensität. Der sekundäre Kopfschmerz dagegen ist das Symptom einer ernsthafteren Erkrankung und geht meist einher mit weiteren Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Fieber.

Was genau sind Spannungskopfschmerzen und wie sollte man damit umgehen?

Der Spannungskopfschmerz ist die geläufigste Kopfschmerz-Form. Sein Charakter wird meist als dumpfer, leichter bis mittelstarker Schmerz in der Stirn oder dem Hinterkopf beschrieben. Er ist weniger stark als die Migräne oder der Cluster-Kopfschmerz, kann jedoch sehr belastend sein, wenn er länger andauert. Anders als der Name eigentlich vermuten lässt, sind Muskelverspannungen nicht die typische Ursache für diese Art von Kopfschmerzen. Bisher ist keine alleinige Ursache für die Schmerzen bekannt, Auslöser können allerdings Stress oder eine genetische Veranlagung sein. Erkrankungen wie die Depression oder Angsterkrankungen gelten aber als Risikofaktoren. Zur Behandlung der Spannungskopfschmerzen kann in Maßen zu rezeptfreien Schmerzmitteln gegriffen werden. Hierbei gilt es, im Blick zu behalten, welche Mittel und wie oft man diese anwendet. Eine zu häufige Einnahme bei niedrigschwelligen Schmerzen kann dazu führen, dass die Kopfschmerzen vermehrt auftreten. Man spricht hier vom "Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch".

Eine besonders beeinträchtigende Form ist der Cluster-Kopfschmerz. Was gilt es darüber zu wissen?

Der Cluster-Kopfschmerz zählt zu den selteneren Kopfschmerzarten und kommt nur sehr selten vor. Bei dieser Form handelt es sich um einen einseitigen, „lebensvernichtenden“ Schmerz, der von den Patient:innen meist hinter einem Auge lokalisiert wird. Wegen seiner maximalen Intensität wurde er früher auch als „Suizidkopfschmerz“ bezeichnet und soll sich anfühlen, wie ein Messerstich ins Auge. Er tritt attackenförmig auf und kann zwischen 20 Minuten und drei Stunden andauern. Neben einseitigen Schmerzen kommt es oft zu Begleiterscheinungen des vegetativen Nervensystems des Gesichtes mit vermehrter Sekretbildung in der Nase und einem tränenden Auge. Die Episoden dauern unterschiedlich lange an und kehren oft nach Monaten der Symptomfreiheit zurück. Eine Behandlung ist meist nur mit Medikamenten möglich, die prophylaktisch über die gesamte Episode eingenommen werden und den Schmerz verringern.

Die richtige Diagnose ist in diesem breiten Feld sehr anspruchsvoll. Wie geht man am besten vor?

Es gibt laut Deutscher Kopfschmerz- und Migränegesellschaft aktuell über 360 verschiedene Arten von Kopfschmerzen. In vielen Fällen kann man auf den ersten Blick keine eindeutige Diagnose stellen. Es werden deshalb im Zweifelsfall immer ein Bild vom Kopf und eine Nervenwasserpunktion gemacht. Nur so kann richtig therapiert werden. Jeder Kopfschmerz, der für die Patient:innen unbekannt ist, plötzlich auftritt und von ungewohnt hoher Intensität ist, sollte ärztlich abgeklärt werden. Besonders junge Betroffene, bei denen eine Migräne das erste Mal auftritt, kommen häufig zu uns. Hier ist es wichtig, die richtige Diagnose zu stellen und andere Ursachen auszuschließen.

Welche Sonderform nimmt die Migräne ein?

Die Migräne ist kein psychisches Problem, sondern eine neurologische Erkrankung. Etwa jeder siebte bis zehnte Deutsche leidet darunter, Frauen bis zu dreimal häufiger als Männer. Warum genau ein Mensch zu Migräne neigt und was genau sie auslöst, ist bisher nicht restlos geklärt. Eine genetische Veranlagung spielt neben anderen Faktoren allerdings eine große Rolle. Ist diese vorhanden, kann ein Migräneanfall durch verschiedene Umstände "getriggert", also ausgelöst, werden: Stress, schlechte Schlafphasen oder eine Hormonschwankung. Bei Frauen ist es häufig die Menstruation.

Woran erkenne ich eine Migräne?

Die Migräne tritt in Attacken auf, die laut Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zwischen vier und 72 Stunden andauern können. Die Patienti:innen leiden häufig unter starkem Kopfschmerz, Übelkeit, Geruchsempfindlichkeit oder Benommenheit. Bei einigen Betroffenen tritt im Voraus häufig die sog. Aura auf, die sich typischerweise durch Sehbeeinträchtigungen und  starke Lichempfindlichkeit bemerkbar macht.

Migräne ist nicht heilbar, aber therapierbar. Worauf sollten Ärzt:innen und Patient:innen achten?

Es hat sich in den letzten Jahren bezüglich der Behandlungsoptionen einiges getan. Ob eine Migräne prophylaktisch mit Medikamenten behandelt werden soll, muss individuell ärztlich geprüft werden. Die Erwartungshaltung an eine solche Behandlung der Migräneattacke sollte sein, den Schmerz innerhalb einer Stunde auf ein erträgliches Maß zu senken. Gelingt das nicht, sollten Betroffene sich nicht damit zufriedengeben, sondern unbedingt ihren/ihre Arzt/Ärztin aufsuchen und alternative Therapien prüfen. Hilfreich ist es, wenn die Patient:innen in einer Art Tagebuch die Häufigkeit, Intensität und Dauer der Kopfschmerzen festhalten. Auch bereits getestete Medikamente sollten ausreichend dokumentiert werden. Nur so kann man die richtigen Therapieoptionen festlegen. "Das" Migräne-Medikament gibt es nicht. Verschiedene Therapien schlagen individuell unterschiedlich an. Grundsätzlich gilt für eine Migräne: Schmerzmittel möglichst früh und ausreichend entsprechend der Empfehlungen dosieren. Nur so kann die Wirksamkeit auch wirklich beurteilt werden.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Migräne und einem Schlaganfall?

Tatsächlich haben Studien erhoben, dass das Schlaganfall-Risiko von Migräne-Patient:innen gegenüber der Normalbevölkerung leicht erhöht ist. Das bedeutet aber nicht, dass sich jede/r Patient:in darum sorgen muss. Rauchen und die Anti-Baby-Pille können das Risiko allerdings zusätzlich erhöhen. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn sich die Migräne-Attacke anders als gewohnt oder besonders stark anfühlt. Ein plötzlicher Kopfschmerz, der sich schnell in einen „Vernichtungskopfschmerz“ verwandelt, ist immer schnellstmöglich abzuklären.

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Beitragsbild: © Krakenimages.com  / shutterstock


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