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Titelthema Bauch
„Watch-and-Wait“ bei Darmkrebs
Operation oder abwarten? Immer mehr Patientinnen und Patienten mit Darmkrebs können heute auf eine OP verzichten – dank moderner Behandlungsstrategien wie Immuntherapie und der „Watch-and-Wait“-Methode.
Von Rüdiger Stettinski
„Die schonendste Therapieform, die wir anbieten, ist in vielen Fällen gar keine Operation, sondern das gezielte Beobachten“, erklärt Prof. Dr. Christoph Isbert, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und koloproktologische Chirurgie am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus. Das Prinzip dahinter: Nach einer intensiven Vorbehandlung mit Chemo- und Strahlentherapie oder modernen Medikamenten verschwinden Tumoren manchmal vollständig. Dann kann im Rahmen von „Watch-and-Wait“ auf einen sofortigen Eingriff verzichtet werden – die Patientinnen und Patienten werden engmaschig mit allen verfügbaren Untersuchungen überwacht.
Wenn das Immunsystem selbst heilt
Besonders vielversprechend sind die Fortschritte für einen kleinen Anteil der Betroffenen, deren Tumorgewebe ein spezielles genetisches Merkmal aufweist, die Mikrosatelliteninstabilität (MSI). „Für diese ist die Immuntherapie ein Quantensprung“, sagt PD Dr. Johannes Kluwe, Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie. Durch die Mikrosatelliteninstabilität wird das Krebsgewebe für das Immunsystem besser erkennbar. Mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren lässt sich das Immunsystem so aktivieren, dass es die Krebszellen selbst effektiv bekämpfen kann. „Bei einer kleinen Untergruppe von Betroffenen mit Mastdarmkarzinomen mit Mikrosatelliteninstabilität zeigen Studienergebnisse, dass der Krebs sogar alleine durch die medikamentöse Vorbehandlung mit Checkpoint-Inhibitoren ganz ohne OP oder Bestrahlung verschwinden kann“, so Kluwe.
Engmaschige Kontrollen sind entscheidend
Doch auch wenn Immuntherapie nicht infrage kommt, profitieren viele Betroffene von „Watch-and-Wait“. Voraussetzung ist eine exakte Kontrolle: Die lokale Diagnostik (zum Beispiel per Endosonografie) übernehmen die Chirurginnen und Chirurgen selbst. Alle Befunde werden im Tumorboard gemeinsam mit Spezialistinnen und Spezialisten der Gastroenterologie, Strahlentherapie und Onkologie besprochen. „So entscheiden wir für jeden einzelnen Fall, ob und wann überhaupt noch operiert werden muss“, sagt Isbert. Besonders bei tiefsitzenden Enddarmtumoren lässt sich oft ein künstlicher Darmausgang vermeiden – eine enorme Verbesserung für die Lebensqualität.
Minimal-invasiv statt großer Schnitt
Wenn doch ein Eingriff nötig ist, stehen heute minimal-invasive und roboterassistierte Verfahren zur Verfügung. Die modernen Therapiekonzepte machen Mut: „Es geht darum, Lebensqualität zu erhalten und in vielen Fällen sogar eine vollständige Heilung zu erreichen – ganz ohne Operation“, fasst das Ärzteteam zusammen.
Experten für diesen Artikel:
Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und koloproktologische Chirurgie am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus
Chefarzt für Innere Medizin und Gastroenterologie am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus



