Bluthochdruck im Alter – was ist optimal?

Bluthochdruck im Alter – was ist optimal?


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Die Einstellung von Fachleuten gegenüber den „richtigen“ Blutdruckwerten im Alter hat sich in den letzten Jahrzehnten mehrfach geändert. Dem Faktor der Gebrechlichkeit wurde dabei oft zu wenig Beachtung geschenkt. In einigen Fällen können höhere Zielwerte sogar vorteilhaft sein:

Bekannterweise nimmt mit zunehmendem Lebensalter das Risiko für Bluthochdruck zu, hauptsächlich weil die Gefäße mit den Jahren an Elastizität verlieren. Von Bluthochdruck sind fast zwei Drittel der über 70-Jährigen betroffen, bei den über 80-Jährigen mehr als 75 %, weiß Dr. Georg Schiffner, Chefarzt der Geriatrie und des Palliativbereiches im Wilhelmsburger Krankenhaus Groß- Sand. Die arterielle Hypertonie – wie der Bluthochdruck wissenschaftlich genannt wird – steigert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie zum Beispiel einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. 

Menschen altern unterschiedlich 

Gisela Fehrs aus Fleestedt hat mit ihren 83 Jahren erhöhten Blutdruck und sorgt sich um ihre Gesundheit. Seit einigen Jahren ist sie auf den Rollstuhl angewiesen und in ihrer körperlichen Fitness stark eingeschränkt. In solchen Fällen lohnt es sich, genauer hinzusehen, erklärt Dr. Ulrich Mai, Chefarzt der Inneren Medizin im Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand: „Wie wir beobachten können, altern Menschen sehr unterschiedlich. Neben den fitten, aktiveren über 80-Jährigen gibt es gebrechliche und wenig belastbare Patient:innen.“ „Eine Blutdrucksenkung ist deshalb nicht in jedem Fall die richtige Methode“, führt Kollege Dr. Schiffner weiter aus. „Schon länger ist bekannt, dass blutdrucksenkende Medikamente das Risiko für Schwindel und damit für Stürze erhöhen können, insbesondere wenn der systolische Blutdruck bei älteren Patient:innen deutlich unter 130 mmHg gesenkt wird.“ 

Zu niedriger Blutdruck kann gebrechlichen Menschen schaden 

Ein etwas höherer Blutdruck ist also nicht immer schlecht: Bei älteren Patient:innen, die gebrechlich und wenig belastbar sind, kann er das Sterberisiko sogar senken. Forscher:innen und Ärzt:innen plädieren daher für ein Umdenken in der Behandlung. Nachdem auch Gisela Fehrs zur Gruppe der gebrechlichen Patient:innen zählt, kann ein höherer Blutdruck von Vorteil für ihren Zustand sein. „Wie wir laut neuester Forschungsergebnisse wissen, haben stark gebrechliche Menschen bei einem systolischen Blutdruckwert zwischen 140 und 150 mmHg das geringste Sterberisiko. Bei den „fitteren“ Patient:innen liegt das geringste Risiko bei einem systolischen Blutdruck unter 130 mmHg vor“, erläutert Dr. Mai. Es sollte also in jedem Fall eine individuelle Entscheidung gefällt werden, in die mehrere Faktoren einbezogen werden. Besonders die körperliche und geistige Fitness der Patient:innen spielt bei der richtigen Einstellung der Blutdruckwerte eine Rolle. Im Falle von Gisela Fehrs könnte eine medikamentöse Einstellung auf niedrige Blutdruckwerte ihren Zustand verschlechtern. Werte nach dem Motto „je niedriger, desto besser“ empfiehlt man hier längst nicht mehr. In der geriatrischen Versorgung von Bluthochdruck muss der Faktor Gebrechlichkeit und der Zustand der Patient:innen also immer mit einbezogen werden.


Beitragsbild: © Alexander Raths / shutterstock


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