Die Herzstudie Ischemia

Die Herzstudie Ischemia


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Eine klinische Studie schlägt Wellen in der Medizin. Sind Eingriffe bei koronarer Herzkrankheit noch notwendig? Chefarzt der Herzchirurgie Prof. Dr. Friedrich-Christian Rieß (rechts auf dem Foto) und Chefarzt der Kardiologie Prof. Dr. Karsten Sydow (links) im Albertinen Herz- und Gefäßzentrum am Standort Albertinen Krankenhaus erläutern dies im Interview.

Professor Sydow, worum handelt es sich bei der ISCHEMIA-Studie?

Prof. Dr. Sydow: Bei der ISCHEMIA-Studie ging es um die symptomatische, aber stabile koronare Herzerkrankung (KHK), also einer Kalkablagerung der Herzkranzgefäße. Im Rahmen der Studie wurden bei über 5.000 Patienten, bei denen dieses Krankheitsbild mittels Computertomographie der Herzkranzgefäße festgestellt wurde, zwei Behandlungsansätze miteinander verglichen: Bei der einen Hälfte erfolgte die Behandlung allein durch Medikamente und Lebensstiländerungen. Der andere Teil wurde zusätzlich noch invasiv mit Gefäßstützen (Stents) oder Bypass-OPs behandelt.

Was sind die Erkenntnisse dieser Studie?

Prof. Dr. Sydow: Hauptsächlich, dass sich diese beiden Behandlungsansätze bei den untersuchten Patienten mit stabiler KHK grundsätzlich nicht gegenseitig ausschließen. Die Häufigkeit der Herzinfarkte oder tödlichen Herzstillstände unterschied sich in den ersten drei Jahren nicht. Insbesondere bei Patienten mit Brustschmerzen konnte jedoch eine Linderung durch die invasiven Eingriffe nachgewiesen werden. Wichtig ist zu erwähnen, dass diese Schlüsse nicht für Patienten mit einer sogenannten Hauptstammstenose, eingeschränkter Pumpfunktion des Herzens oder ausgeprägter Symptomatik gelten, da diese nicht in der ISCHEMIA-Studie untersucht wurden.

Professor Rieß, sind das etwa schlechte Nachrichten für Sie als Herzchirurg?

Prof. Dr. Rieß: Das wäre dann die reißerische Schlagzeile! Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir sehen uns in unserer bisherigen gemeinsamen Vorgehensweise im Herzteam bestätigt.

Warum?

Prof. Dr. Rieß: Ich mache meinen Beruf sehr gerne, aber weiß auch, dass eine koronare Bypassoperation für den Patienten ein belastender Eingriff sein kann. Sie sollte also zweifelsfrei gerechtfertigt sein. Deswegen ist es ein großer Teil unserer Arbeit, interdisziplinär im Team jeden einzelnen Patienten evidenzbasiert zu diagnostizieren, das Therapiekonzept abzustimmen und dann erst zu behandeln. Wir teilen uns als hochspezialisierte Fachbereiche das gleiche Ziel: dem Patienten bestmöglich zu helfen.

Prof. Dr. Sydow: Es ist ein scherzhaftes Klischee, dass Kardiologen auf jede Gelegenheit warten, um einen Herzkathetereingriff durchführen zu können. Aber für das Patientenwohl ist es wichtig, kritisch abzuwägen, ob überhaupt und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt derart invasive Eingriffe sinnvoll sind. Das fängt in der Diagnosestellung durch nicht-invasive Untersuchungsmethoden zum Nachweis einer Minderdurchblutung des Herzens an und darüber hinaus kommen individuellen Lebensstiländerungen und einer optimalen konservativen Behandlung durch Medikamente (Cholesterin-Senker, Blutverdünner) eine zentrale Rolle zu.

Wann reicht das nicht?

Prof. Dr. Sydow: Die koronare Herzerkrankung ist eine dynamische Erkrankung. Natürlich sollten sich diese Patienten regelmäßig bei ihrem Kardiologen vorstellen. Symptome wie Brustschmerzen sind dann ein Warnzeichen und führen eher zu einem Eingriff als Schmerzfreiheit. Auch plötzlich einsetzende Brustschmerzen können ein Warnzeichen für einen akuten Verschluss eines Herzkranzgefäßes sein und sollten zu einer umgehenden Kontaktaufnahme mit einem Arzt bzw. einer Vorstellung im Krankenhaus, z. B. in einer Brustschmerzambulanz (Chest-Pain-Unit) führen.

Prof. Dr. Rieß: Die Druckdrahtmessung zum Beispiel ist ein invasives Verfahren mit dem der Kardiologe feststellen kann, ob eine Einengung im Herzkranzgefäß signifikant ist und ob ein Eingriff sinnvoll ist. Wenn die Indikation zu einer Operation gestellt wird, sollte die Bypassoperation unbedingt komplett arteriell mit beiden Brustwandarterien, wenn möglich am schlagenden Herzen und ohne Herz-Lungen-Maschine erfolgen, da dieses Verfahren für den Patienten weniger belastend ist und hervorragende Langzeitergebnisse hat.


Beitragsbild: © Bertram Solcher

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