DAS ZIEL IM VISIER – NEUE VERFAHREN IM KAMPF GEGEN DEN KREBS

DAS ZIEL IM VISIER – NEUE VERFAHREN IM KAMPF GEGEN DEN KREBS


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Mit zielgerichteten Krebstherapien und Immunonkologie etablieren sich effektive und schonende Verfahren, die Chemotherapie ergänzen oder sogar ersetzen können.

Ich bin seit 1990 in der Onkologie – und was sich seitdem in diesem Gebiet getan hat, ist unglaublich.“ Prof. Dr. Udo Vanhoefer strahlt die Freude an der Wissenschaft merklich aus, als er von den Entwicklungen in der Krebsbehandlung erzählt. „Wenn ich die Jahrestreffen der Amerikanischen Krebsgesellschaft ASCO von heute und vor zwanzig Jahren vergleiche, ist der Unterschied wie Tag und Nacht. Die Chemotherapieverfahren, die früher die Veranstaltung dominiert haben, rücken deutlich in den Hintergrund. Das Hauptaugenmerk sind mittlerweile zielgerichtete und Immuntherapien. Faszinierende Entwicklungen!“ 

NEUE VERFAHREN ZUR KREBSBEHANDLUNG 

Zum Verständnis gibt der Chefarzt für Hämatologie und Onkologie am Kath. Marienkrankenhaus zunächst einen Crashkurs: „Krebs bezeichnet ja im weitesten Sinne das unkontrollierte Wachstum von körpereigenen Zellen. Allgemein bekannt sind die traditionellen Behandlungsmethoden: Strahlentherapie, Chemotherapie, Operationen. Die zielgerichtete Krebstherapie dagegen funktioniert auf einer molekularen Ebene und ist somit eine für jeden/jede Patient:in individuell zugeschnittene Therapie. Nehmen wir als Beispiel ein Lungenkarzinom mit einem Nachweis einer bestimmten Treibermutation als Paradebeispiel für eine zielgerichtete Krebstherapie. Die für das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen verantwortliche Treibermutation kann dann gezielt mit Medikamenten ausgeschaltet werden und der bösartige Tumor bei vielen dieser Krebspatient:innen erfolgreich bekämpft werden. Die Fortschritte in der molekularen Charakterisierung solcher therapeutisch nutzbaren Genveränderungen der Tumorzellen sind enorm. Für die Patient:innen bedeutet das nicht nur eine deutlich bessere Verträglichkeit der Therapien und Lebensqualität – auch die oftmals höheren Ansprechraten und eine mögliche „Chronifizierung“ der Tumorerkrankung machen zielgerichtete Krebstherapie vielversprechend. 

IMMUNONKOLOGIE: DEN KREBS MIT KÖRPEREIGENEN WAFFEN SCHLAGEN 

Es scheint naheliegend, das eigene Immunsystem gegen Tumoren einzusetzen. Und doch ist die Immunonkologie eine vergleichsweise neue Entwicklung. „Im Prinzip fahren wir in diesem Verfahren das Immunsystem gegenüber Tumorzellen hoch und demaskieren diese, damit sie abgetötet werden“, erklärt der Leiter des Onkologischen Zentrums. Konkret werden Signalwege der Tumorzellen, die auf bestimmte „Programmed Death“-Rezeptoren der Immunzellen abzielen, durch die Immuntherapeutika (sogenannte Check-Point-Inhibitoren) unterbrochen. „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt es der Experte. Oft können durch eine Immuntherapie lang anhaltende z. T. sogar vollständige Tumorrückbildungen erreicht werden. Bei einigen Tumorerkrankungen und bei bestimmten molekulargenetischen Voraussetzungen hat die Immuntherapie die konventionelle Chemotherapie vollständig abgelöst. Die Nebenwirkungen der Immuntherapie sind im Regelfall gut beherrschbar. Ob zielgerichtet oder immungestützt – Prof. Vanhoefer freut sich bereits auf weitere onkologische Studienergebnisse. „Ich bin sehr optimistisch für die Zukunft. Wir sehen gerade den medizinischen Fortschritt in Echtzeit voranschreiten.“

Was ist zielgerichtete Krebstherapie? 

Zielgerichtete Krebstherapie nennt man die Behandlung mit Medikamenten, die gezielt in die Signalwege der Krebszelle eingreifen, die für das Tumorwachstum wichtig sind. 

Für wen kommt die Behandlung infrage? 

Die zielgerichtete Tumortherapie wird bei einer Vielzahl von Tumorerkrankungen im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium erfolgreich eingesetzt, zum Beispiel für die Therapie von Brust-, Lungen-, Prostata- oder Darmkrebs, schwarzem Hautkrebs und Lymphomen. In klinischen Studien wird derzeit geprüft, ob die zielgerichtete Therapie bereits in frühen Krankheitsstadien angewendet werden kann. 

Wie funktionieren zielgerichtete Krebstherapien?

Krebszellen bestehen wie auch gesunde Zellen aus einem Zellkern und einer Zelloberfläche mit Rezeptoren. Die Zelloberfläche empfängt Botenstoffe und kommuniziert über einen komplexen Signalweg mit dem Zellkern. Eine gesunde Zelle erhält vom Körper die Botenstoffe, die sie zum Wachsen anregen, und setzt das Signal um. Eine erworbene Mutation – also zufällige Änderung im Genom – kann zur Folge haben, dass sich die Zelle dann unkontrolliert von den körpereigenen Botenstoffen vermehrt. Man spricht von einer sogenannten Treibermutation. Es sind mittlerweile zahlreiche therapeutisch genutzte Treibermutationen in Krebszellen molekulargenetisch nachgewiesen worden. Mittels molekularpathologischer Charakterisierung können die „Targets“ in Tumorgewebe oder Tumor-DNA aufgezeigt und individuell therapeutisch genutzt werden. Zielgerichtete Arzneimittel richten sich gegen genau die Eigenschaften der Krebszelle, die für das Tumorwachstum und Überleben der Krebszelle wichtig sind. So können, je nach Vorliegen einer Mutation, spezifische Signalwege der Tumorzelle unterbunden werden, gesunde Körperzellen werden nicht oder nur gering geschädigt. Die Wirkstoffe können in Tablettenform oder als Infusion verabreicht werden. Für die Patient:innen bedeutet die zielgerichtete Krebstherapie oft nicht nur eine deutlich bessere Verträglichkeit und Lebensqualität im Vergleich zur klassischen Chemotherapie – auch die Remissionsraten und die lang anhaltende Tumorkontrolle sind vielversprechend.

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Beitragsbild: © ivector / shutterstock


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